Gleiche Krankheit, andere Beschwerden: So wichtig ist Gendermedizin

Männer und Frauen sind unterschiedlich. Und das hat entscheidende Auswirkungen: Männer und Frauen sind unterschiedlich krank. Bei derselben Krankheit leiden sie unter verschiedenen Symptomen, und das gleiche Symptom wird von ihnen unterschiedlich wahrgenommen.

Erst langsam beginnt die Medizin dieses Phänomen zu untersuchen. Es entstand der Zweig der Gendermedizin, der sich gezielt damit beschäftigt. Für Menschen in Pflegeberufen sind diese Erkenntnisse wichtig. Denn sie haben engen Kontakt zu Patienten und sind diejenigen, die Einblicke in ihr Leben und ihr Wohlbefinden haben.

Der kleine Unterschied ist nicht klein

Vom Schmerzempfinden über Symptome bis hin zur Sterberate: Der vermeintlich kleine Unterschied zwischen den Geschlechtern ist alles andere als klein, wenn es um Krankheiten und Gesundheit geht. So erleben Männer zum Beispiel oft ein schnelleres Voranschreiten einer Krebserkrankung als Frauen, während diese stärker unter den Nebenwirkungen der Behandlung leiden. Auch erkranken Männer häufiger an Krebs als Frauen.

Auch beim Herzinfarkt gibt es große Unterschiede: Während die Symptome bei Männern Schmerz im Brustbereich, Todesangst und Schmerzen sind, die in den linken Arm ausstrahlen, leiden Frauen unter Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit bis zum Erbrechen, Atemnot und Schweißausbrüchen. Viele Frauen kennen „ihre“ Symptome nicht und können sie deshalb nicht zuordnen. Selbst manchen Ärzten unterläuft dieser Fehler. Die Folge: Es verstreicht wertvolle Zeit bis zur richtigen Behandlung, die über Leben und Tod entscheidet. Das Sterberisiko für Frauen bei einem Herzinfarkt ist noch immer höher als bei Männern.

 

Einseitige medizinische Forschung

Die Ursache für diese Problemlage ist eine einseitige medizinische Forschung. Viel zu lange wurde entweder davon ausgegangen, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht relevant sei. In vielen Studien wird auch auf männliche Teilnehmer und Versuchstiere gesetzt, da man durch den wechselnden Hormonhaushalt von Frauen eine Verfälschung der Ergebnisse befürchtete. Nach dem Contergan-Skandal wurden Frauen teilweise gezielt aus Medikamentenstudien ausgeschlossen aus Sorge, sie würden schwanger werden und ein Kind mit Fehlbildungen gebären.

Inzwischen werden Frauen häufiger in medizinische Studien geholt. Allerdings bilden sie noch immer nicht 50% der Probantengruppen.

 

Medikamente wirken unterschiedlich

Auch bei der Medikamentengabe macht sich der Geschlechterunterschied bemerkbar. So baut die Leber von Frauen Betablocker deutlich langsamer ab die die Leber eines Mannes. Die Dosierung für Frauen muss deshalb angepasst werden, um die Nebenwirkungen gering zu halten. In der Gendermedizin wird dies gezielt untersucht, um Ärzten zu helfen, die richtige Dosierung von Medikamenten zu finden.

Während Du in einem Pflegeberuf nicht direkt für die Dosierung von Medikamenten zuständig bist, ist es dennoch wichtig, sich auch dieser Tatsache bewusst zu sein, um Symptome von Patienten mitunter richtig einordnen zu können.

 

Männer und Frauen kommunizieren anders

Ein weiteres Problem, das zu den biologischen Unterschieden hinzu kommt: Männer und Frauen reden unterschiedlich über ihre Beschwerden. Frauen nehmen ihre Symptome in der Regel genauer wahr und beschreiben sie detaillierter, was eine Diagnose erleichtert. Männer hingegen machen meist ungenauere Angaben und spielen Probleme herunter.

Dennoch ist es bei beiden Geschlechtern wichtig, gezielt nachzufragen, wenn sie von Beschwerden sprechen, da auch Frauen manche Symptome nicht von sich aus aufführen.

 

Frauen empfinden Schmerzen stärker

Aufgrund des unterschiedlichen Hormonhaushaltes empfinden Frauen Schmerzen stärker als Männer. Denn Testosteron senkt das Schmerzempfinden, während Östrogen es erhöht. Die Geburt eines Kindes wird erst durch eine große Ausschüttung von Endorphinen möglich, die wiederum schmerzhemmend wirken.

70% der chronischen Schmerzpatienten sind Frauen. Dies liegt nicht daran, dass Frauen offener über körperliche Beschwerden sprechen, sondern, dass sie Schmerzen stärker wahrnehmen. Dies muss insbesondere bei Schmerzpatienten bedacht werden, um mit Rücksicht und Empathie reagieren zu können.

 

Einseitige Medizin ist schädlich für alle

Wenn der Mann aber als medizinischer Standard gilt, wird es für alle gefährlich. Männer haben andere Symptome, andere Krankheitsverläufe und reagieren anders auf Medikamente. Menschen in Pflegeberufen, die mit weiblichen Patienten arbeiten, müssen sich deshalb mit den medizinischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern beschäftigen.

Aber nicht nur Frauen sind gefährdet, wenn Männer als medizinischer Standard gelten. Zwar sind sie noch immer benachteiligt, wenn es um klassische „Männerkrankheiten“ wie Herzinfarkte geht. Allerdings sind Männer, die unter „Frauenkrankheiten“ wie Osteoporose leiden, ebenfalls im Nachteil: Es wird schlichtweg nicht vermutet, dass sie daran leiden.

 

Fazit: Gendermedizin ist spannend – und wichtig!

Noch steht die Gendermedizin ganz am Anfang. Aber das Bewusstsein, dass Männer und Frauen sich medizinisch stark unterscheiden, wächst und erreicht immer mehr Ärzte und Pflegepersonal. Für Dich ist es wichtig, um diese Unterschiede und neue Erkenntnisse Bescheid zu wissen, um Deine Patienten optimal betreuen zu können.

 

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